Rotkäppchen und die böse Pumpgun

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Der US-Waffenverband National Rifle Association (NRA) hat vor Kurzem in einer Online-Kampagne innerhalb deren „NRA Family“-Segment die allseits beliebten Märchen „Hänsel und Gretel“ und „Rotkäppchen“ einer Anpassung unterzogen und die Protagonisten beider Geschichten mit Schusswaffen ausgestattet.

Trotz stetiger Debatten bezüglich der Zugänglichkeit von Waffen in den USA und wiederholten Amokläufen, scheint dies kein Hinderungsgrund für die NRA zu sein, auch weiterhin fleißig die Werbetrommel zu rühren und insbesondere Kindern nahezulegen, den Umgang mit Waffen schon früh zu lehren. Zwei beliebte Märchen müssen nun für diesen  Werbezweck herhalten.

“I don’t think I’ll be eaten today,” said Grandma, “and you won’t be eating anyone again.”

Little Red Riding Hood (Has a Gun), Amelia Hamilton, NRA

Die Autorin Amelia Hamilton zeichnet sich in diesem Fall für beide Neufassungen verantwortlich. In einem Interview von „Cam & Co“ (einer Sendung der NRA) sagte sie unlängst, dass man Kindern mehr über Sicherheit beibringen solle, um gewaltsame Situationen wie in den Originalfassungen der Märchen zu vermeiden.

Bei beiden Geschichten ist das „was wäre wenn?“-Szenario stark in den Vordergrund gerückt, und die Intention hinter der Kampagne wird schnell klar: Sei kein Opfer. Wehre dich. Am besten mit einer Schusswaffe.

Ob Waffen in den beschriebenen Situationen einen tatsächlichen Unterschied machen würden, sei dahingestellt, da es sich bei beiden Märchen um zu einfache Beispiele handelt.

Wie würde also die Konfrontation zwischen den jeweiligen Märchengestalten tatsächlich ablaufen?

Mensch vs. Wolf

Bekanntermaßen handelt es sich bei beim Aggressor von „Rotkäppchen“ um den bösen Wolf, welcher keine vergleichbaren Distanzwaffen besitzt um sich gegen einen mit Gewehr ausgestatteten Menschen zu wehren und sich auch nur in absoluten Ausnahmesituationen überhaupt an Menschen herantraut. Auch wird der überwiegende Teil der amerikanischen Bevölkerung selten Situationen ausgesetzt sein, sich eines wilden Tieres erwehren zu müssen.

Was würde also passieren? Rotkäppchen würde mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,98% ohne weitere Schwierigkeiten den Wald durchqueren und zu ihrer Großmutter finden. Die restlichen 0,02% lassen sich vorraussichtlich ohne Schusswaffen und ohne ein Tier zu verletzen oder gar zu töten bewältigen .

Eine Waffe zu tragen, um sicher durch den Wald zu kommen, wird also nur in Gebieten Sinn machen, wo die tatsächliche Gefahr eines Tierangriffs besteht.

Allenfalls gelingt es der NRA bei der amerikanischen Bevölkerung weiter das Feindbild des Wolfes und insgesamt das des „gefährlichen“ wilden Tieres zu schüren. Beiläufig wird auch die Jagd auf Tiere beworben (wenn auch als wichtige Nahrungsquelle für eine arme Familie).

Mensch vs. Hexe

Hier würde die Konfrontation wohl nicht unwesentlich anders verlaufen, und zwar ungleich schlechter für Hänsel und Gretel.

Hexen bedienen sich ja bekanntlich Magie und lassen sich deshalb für gewöhnlich nicht allzu einfach überlisten. Eine Pumpgun würde wohl ziemlich schnell in eine Stange Lauch verwandelt. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass Hänsel und Gretel die Hexe überhaupt überraschen könnten, ist wohl eher gering. Diese hätte vorgesorgt und in einem Radius von 100 Metern rund um das Lebkuchenhaus Schutzzauber gelegt, welche sie über das Kommen der Kinder unterrichtet hätten. Vermutlich hätten diese Zauber die Waffen der Kinder auch gleich unbrauchbar gemacht.

In diesem Fall hätte das Szenario also vermutlich folgendermaßen geendet: Hänsel und Gretel wären, samt gemüsiger Bewaffnung, im Suppentopf gelandet.

An der Realität vorbei

Natürlich ist klar, dass beide Märchen, im Original wie in der Neufassung, als Analogien gelesen werden sollten und keinesfalls die Realität widerspiegeln.

Wobei gerade der fehlende Realitätsbezug der größte Kritikpunkt beider NRA-Neufassungen ist. Erdachte Analogien, Geschichten und Märchen abstrahieren in diesem Fall komplexe Situationen zu sehr und zeigen den leichtesten Ausweg aus einer Lage, die auch ohne Waffengewalt hätte entschärft werden können.

Was man den geänderten Fassungen zugute halten muss, ist die Tatsache, dass weder der Wolf noch die Hexe durch Schusswaffen Schaden erleiden, und die Protagonisten ein sicherheitstechnisch vorbildliches Verhalten an den Tag legen. Allerdings bleibt offen, was mit dem Wolf geschieht, da sein Schicksal schlussendlich mit „…a story for another day“ (eine Geschichte für einen anderen Tag) beschrieben wird.

Solltet ihr die umgeschriebenen Fassungen der NRA in voller Länge lesen wollen, könnt ihr dies unter folgenden Links tun (Englischkenntnisse vorausgesetzt):

Little Red Riding Hood (Has a Gun)
Hansel and Gretel (Have Guns)

(mly)

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