Lurchis Abenteuer – Was reimt sich auf Salamander?

„Gelb und schwarz, ihr ahnt es schon, ist kein Hund, kein Has‘, kein Luftballoon. Über diese Farben, froh und heiter, freut unser Held sich wie kein Zweiter. Erleben tut man manch Geschicht, doch auch ein Fernfahrer ist er nicht. Dieses schöne Farbenkleid trägt kein Winzer, keine Maid. Unser Lurchi, wie kein andrer, ist ein gar gepflegter Salamander!“

Leider bin ich noch kein Erwin Kühlewein, einer der Texter der Comics „Lurchis Abenteuer“. Dieser versah zwischen 1952 und 1964 (insgesamt 23 Ausgaben) die Geschichten des wagemutigen kleinen Salamanders mit den nötigen scharfsinnigen Paarreimen.

Hier eine Geschichte, die sich wohl am besten in die Kategorie „Liebe auf den ersten Blick“ einordnen lässt.

Ein Löwe auf Einkaufstour

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Lurchis Abenteuer – Ausgabe 33 – 1965 – Texte und Illustrationen: Heinz Schubel (bis Ausgabe 52)

Bei einer der letzten Vienna Comix Veranstaltungen in Wien ging ich meines Weges, meinen Blick stets auf Neuerscheinungen meiner Lieblingscomics gerichtet. Nach einer Weile realisierte ich, dass ich keine Lieblingscomics hatte. Was sollte ich nun tun? Viele Alternativen hatte ich ja nicht, dies war schliesslich die Vienna Comix, es musste einfach etwas geben, was mich als Furry sofort ansprechen musste. Werwölfe? Zu abgedroschen. Kriegerkatzen? Das ganze Internet besteht aus Katzen! Füchse? Ausgelutscht.

Kurze Zeit später geriet ich an einen älteren Herrn, der konzentriert hinter seinem Stand saß, dem regen Treiben gebannt folgend: „Suchen Sie Comics?“ Die absurde Frage, ob ich auf einer Comic Convention nach Comics ausschau halten würde, verwunderte mich weniger, als die Tatsache, dass er mich „siezte“. Mein Ego, enttäuscht darüber seinen jugendlichen Charme verloren zu haben, entsandte ein zögerliches „Ja“ in die Schlacht, damit es ein letztes Mal seinen Dienst am Königreich der Freundlichkeit tun konnte. Sogleich glitt sein Finger über einen Stapel kleiner grüner Hefte, welche sich auf seinem Tisch wie ein Schwarm tollwütiger Frösche tummelten. „Kennen Sie Lurchis Abenteuer?“ Er deutete auf Lurchi, den ambhibischen Protagonisten dieser kleinen grünen Heftchen.

Da traf es mich an Ort und Stelle! Da war er, lag einfach so auf dem Tisch. Schwarz und gelb starrte er keck aus diesem Stück Papier, wie eine mutige Semmel auf dem unausweichlichen Weg in ihr knuspriges Schicksal. Der Mann meiner Träume!

Sofort war klar, diesen Salamander musste ich einfach haben! Schnell zückte ich meine Brieftasche, pickte die Ausgaben mit den ansprechendsten Titelbildern heraus und machte mich daran, in die Wunderwelten des glitschigen Helden einzutauchen.

Berge, Wiesen, Felder, Höhlen

Schon nach kurzer Zeit war klar, dass ich hier ein Kleinod entdeckt hatte. Die gereimten Texte waren originell und äusserst charmant. Die Illustrationen taten ihr Übriges mich innerlich zum Jauchzen zu bringen.

Auszug aus „Lurchis Abenteuer: 33. Folge“ / Text und Illustrationen, Heinz Schubel: „Dieser Abdruck auf dem Steine zeigt ganz deutlich die Gebeine aus der Ahnendynastie, Ichthyostega nennt man sie, welche vor millionen Jahren einmal Riesenlurche waren. Auf die Salamanderkunde wird es stille in der Runde…“

Die Szenarien der einzelnen Ausgaben waren so abwechslungsreich, wie sie nur sein konnten. Mal fanden sich Lurchi und seine Freunde in einem fremden Land wieder, mal galt es wilde Abenteuer im Weltraum zu bestehen. So bunt wie Lurchis Abenteuer gestaltet sich auch die Liste seiner Weggefährten. Mit dem Frosch „Hopps“, dem Igel „Igelmann“, dem Mausemann „Mäusepiep“, der Unke „Unkerich“ und dem rotbemützten Zwerg „Piping“ sind eine ganze Reihe heimischer Kleintiere (vom Zwerg einmal abgesehen) vertreten.

Trotz der nur 6-8 Seiten gelang es den pointierten Reimen und entsprechenden Zeichnungen stets zu unterhalten. Klar, dass man es hier thematisch mit einem Comic für Kinder zutun hatte, als Freund des gepflegten Wortes und liebevoller Illustrationen kann man sich dem Charme von Lurchis Abenteuern jedoch nur schwer entziehen. Kaum vorstellbar, dass dieser Comic mit seinen quirligen Charakteren zum Verkauf von Kinderschuhen von der Firma „Salamander“ ersonnen wurde.

Dies war  nicht immer so.

Ein Salamander mit einer Mission

Ursprünglich war es die Idee der Firma „Salamander“ in Deutschland, den jüngsten Besuchern des Kaufhauses eine Ablenkung zu bieten, damit ein reibungsloses Verkaufsgespräch mit den Erwachsenen stattfinden konnte. Ohne Umschweife trat ein tollkühner Held in Salamandergestalt ins Scheinwerferlicht und lenkte erfolgreich eine Heerschar von Kindern davon ab, sich in die lukrativen Geschäfte der Firma einzumischen. Dies tut er nun schon seit 1937. Bis heute ist Lurchi somit das älteste Exemplar seiner Gattung.

Die ersten 5 Hefte, die vor dem zweiten Weltkrieg entstanden versah noch der damalige „Salamander“ Firmenchef Dr. Alex Haffner selbst mit seinen Dichtungen. Der Zeichner der ersten 5 Hefte bleibt leider, von nicht bestätigten Hinweisen abgesehen, unbekannt.

Mehrere Zeichner und Texter haben sich bis zum heutigen Tag abgewechselt.  Die zwei prägendsten Vertreter ihres Fachs, seien an dieser Stelle kurz vorgestellt.

Heinz Schubel (Illustrator 1952 – 1972) und Erwin Kühlewein (Texter 1952 – 1964) werden von vielen Fans der Comicserie verehrt und insbesondere Erwin Kühleweins Reime für deren Finesse und hohe Qualität. Folge 6 – 29 entstanden aus der Zusammenarbeit der beiden Kunstschaffenden. Kühlewein dichtete die Geschichten des liebenswerten Lurchs meistens an Wochenenden in seiner Freizeit, kostenlos(!). Aufgrund der teilweise fehlenden Lehrbücher fanden die Abenteuer von Lurchi auch ihren Weg in die deutschen Grundschulen der Nachkriegszeit. Dies trug entscheidend dazu bei, dass Lurchi schnell zu einer Kultfigur wurde.

Heinz Schubel, der Mann, der Lurchi und seinen Freunden ein Gesicht gab, war ein erklärter Bewunderer von Wilhelm Busch (Max und Moritz). Ihm haben wir es zu verdanken, dass Lurchi nach den ersten 5 Ausgaben seiner Abenteuer, eine anthropomorphe und freundlichere Gestalt erhielt. Nach Ausscheidens von Heinz Schubel 1964 übernahm er sogar die Rolle des Texters und gestaltete somit die nachfolgenden Ausgaben bis 1972 komplett selbst.

Geschichten aus dem Alltag

Wie so oft waren viele der Abenteuer, die Lurchi und seine Freunde in vergangenen Heften erlebten, durch reale Geschehnisse inspiriert. Dies schildert auch der Sohn von Erwin Kühlewein auf seiner Website:

Als ich im Winter aus einer zugefrorenen Pfütze einen toten Frosch ins Haus bringe und ihn tatsächlich auftauen und damit wieder zum Leben erwecken möchte, setzt mein Vater dieses Erlebnis in der späteren Geschichte gekonnt in ein Versmaß um.

— Dietwald Doblies, dietwald-doblies.de

Natürlich will ich euch den entsprechenden Reim samt Illustration nicht vorenthalten:

„Ringsum Stille. – Da entdeckt
Lurchi unterm Laub versteckt,
Hopps, bis über beide Ohren
In der Pfütze eingefroren.“

Bewundernswert ist die Freude und Liebe, die beide Künstler über ihre Werke vermitteln. Trotz Kriegsschrecken schufen diese ein Werk, welches Kinder – heute wie damals – in ihren Bann zieht und über eine Herzlichkeit verfügt, die Ihresgleichen sucht.

Die romantische Naivität, welche Lurchis Abenteuern zugrunde liegt, verhalf Kühlewein und Schubel vermutlich auch, die Erlebnisse des Krieges aufzuarbeiten. Die durchwegs militärisch anmutende Ausgestaltung der gelben Unke Unkerich, könnte ein Indiz hierfür sein.

Solltet ihr auf den Geschmack gekommen sein, könnt ihr mich gerne in den Kommentaren auf die Lurchi Hefte ansprechen. Ich werde sie dann beim nächsten Wiener Furry Stammtisch zur Ansicht mitnehmen.

Natürlich gibt es seit geraumer Zeit auch diverse Sammelbände, welche ihr für wenig Geld bei einem Buchhändler eures Vertrauens, erstehen könnt.

mly

2 Gedanken zu “Lurchis Abenteuer – Was reimt sich auf Salamander?

  1. unci narynin schreibt:

    Als kind war schuhe-kaufen immer fürchterlich langweilig und nervend (ist es immer noch, meine lösung heute: ich trage einfach keine schuhe mehr …)
    Salamander war da noch mit das am wenigsten unangenehme geschäft, da gab es wenigstens comics und salamander-figuren … (und kocher, die hatten eine rutsche)
    also im grunde eine sehr gelungene form des marketings an kinder, auch wenn die eltern bezahlen, aber wenn kinder ihre präferenz für die produkte des hauses salamander zeigen, macht sich die kampagne auf jeden fall bezahlt.
    Die werbefigur ist auch nach wie vor aktiv; Wikipedia hat einen recht ausführlichen artikel mit weiterführenden links: https://de.wikipedia.org/wiki/Lurchi

    Liken

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